Lehrangebote

Dr. Elisa T. Bertuzzo

MA Raumstrategien

Theorieseminar

Irruptions: Zur feierlichen Aneignung des städtischen Raums ++ Irruptions: On the festive appropriation of city space

“Denn das Werk ist Gebrauchswert und das Produkt Tauschwert. Der höchste Gebrauch der Stadt, d.h. der Straßen und Plätze, der Gebäude und Monumente, ist das Fest (das, ohne einen anderen Nutzen zu bieten als Vergnügen und Prestige, unproduktiv enorme materielle und finanzielle Reichtümer aufbraucht)”
Henri Lefebvre, Das Recht auf Stadt, 1968.

Heute, vor dem Hintergrund einer Festivalisierung von Stadt und städtischem Leben, die—wenn in verschiedenen Graden und mit verschiedenen Implikationen—weltweit spürbar ist, könnten diese Zeilen Henri Lefebvres altmodisch oder, schlimmer, höchst idealisiert wirken. Initiiert durch Behörden, die ihre Städte vermarkten müssen, oder durch Politiker und ihre Parteien, die gewisse Programme oder gesellschaftliche Gruppen durchsetzen möchten, verkommen Feste in der Stadt mehr und mehr zu (bezahlten) Spektakeln, die von den Bewohner*innen bloß konsumiert werden können. Mit anderen Worten bedienen viele Festivals, Karnevals und Events entweder identitäre Ziele oder eine kommerzielle, insbesondere touristische Verwertung städtischen Raums, anstatt den Gebrauchswert der Stadt zu steigern. So schwindet die Fähigkeit der Stadt, Raum für Nutzer*innen zur Verfügung zu stellen, die ihn kollektiv geniessen und in ein Werk im Lefebvre’schen Sinne verwandeln.
Im Rahmen dieses Seminars sollen einerseits Berliner und anderweitigen Beispiele eines solchen, passiven, Konsumierens des städtischen Raums samt dessen Faktoren, Sponsor*innen und Komplizen (die Guy Debord bereits im Jahre 1967, mit La société du spectacle, beschrieb und seither weiter spezialisiert und neu konfiguriert wurden) erkannt werden. Andererseits wird folgende Frage behandelt: Unter welchen Voraussetzungen könnten heutige Aktionen dem Ideal von Fest als Nutzung, und nicht als Konsum, städtischen Raums gerecht werden?
Bekanntlich ging Lefebvres Interesse am Fest auf einen starken Begriff von Bewohnen-als-Aneignen zurück: Indem sie den Raum der Strasse, der Nachbarschaft, des Bezirks, bewohnen bzw. sich aneignen, werden sich Menschen von ihrer Möglichkeit bewusst, die Produktion des Raums im größeren Maßstab zu beeinflussen—das heisst, über das zeitlich begrenzte, von oben genehmigte, nicht selten gar ritualisierte Event hinaus; hin zu einer umfassenderen, kollektiven Produktion von differentiellem Raum. Greift seine Hypothese heute noch? Welche Aneignungen, wann und wie durchgeführt, entsprechen einem solchen Programm? Wer sind ihre Initiator*innen, welche ihre Gründe und Ziele? Welche Konflikte werden dabei ausgedrückt, generiert, ausgehandelt? Inwiefern ist der somit angeeignete Raum „differentiell“?
Lektüren von L’Irruption de Nanterre au sommet, das Lefebvre 1968 unter dem Eindruck des Aufstands von Nanterre verfasste, sowie Vergleiche von historischen und heutigen „Irruptionen“ sollen Antworten auf diese Fragen geben. Credits werden durch regelmäßige Teilnahme, Referate, Hausarbeiten oder eigene künstlerische Interpretationen (jeweils in Absprache) erworben.

Am Dienstag, 1.05.2018, beginnt das Seminar inoffiziell mit einer „teilnehmenden Beobachtung“ des Berliner 1. Mai. Treffpunkt: Oranienplatz/Kreuzberg, 15 Uhr.

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“Indeed, the oeuvre is use value and the product is exchange value. The eminent use of the city, that is, of its streets and squares, edifices and monuments, is la Fête (a celebration which consumes unproductively, without other advantage but pleasure and prestige, enormous riches in money and objects).”
Henri Lefebvre, Right to the City, 1968

Against the background of a festival-isation of the city and urban life that is sensible, if to different grades and with different connotations, in many parts of the world, these lines by Henri Lefebvre could sound old-fashioned and, worse, highly idealised nowadays. In fact, public administrations under pressure to market their cities and, in certain cases, politicians and/or political parties wishing to push forward distinct programmes or social groups, are increasingly seen proposing forms of celebration that don’t foresee for the inhabitants but the possibility to consume a (paid) spectacle. In other words, many contemporary urban festivals, carnivals, events, seem to serve either identitarian and/or nationalist agendas or commercial, especially touristic, commodification, rather than enhancing the use value of the city—its offering enjoyable space for users who, in turn, make space into a collective oeuvre.
While critically appraising instances of such passive consumption of urban space including its factors, promoters and accomplices (sketched as early as 1967 by Guy Debord in La société du spectacle, and obviously further specialised and reconfigured ever since) in Berlin and elsewhere, the seminar pursues following question: under which circumstances, if at all, might contemporary celebrations coincide with Lefebvre’s fête as “use” of urban space?
It is known that his interest in “la fête” goes back to a strong concept of inhabitation-as-appropriation: human beings, by inhabiting-appropriating space on the scale of the street, the neighbourhood, the district, get a matter-of-fact evidence of the possibility to partake of the production of space also on larger scales—that is, beyond the temporally circumscribed and generally authorised, not seldom ritualised, event; and towards a more comprehensive, collective production of differential space. Is this hypothesis tenable today? Which appropriations, enacted when and how, presage its realisation? Who may be their initiators, which their reasons and purposes? In how far does difference connote the thus appropriated space? Which conflicts may be expressed, generated, or negotiated thereby?
Answers to these questions will be formulated via readings of L’irruption de Nanterre au sommet, the essay-pamphlet Lefebvre wrote under the impression of the upheaval of Nanterre, of which he was a direct witness and participant in 1968, as well as on the basis of explorations of historical and present-day cases of eruption-irruptions across the world. Credits will be earned through regular attendance, oral and written presentations, or individual artistic interpretations.

The unofficial beginning of this seminar is a “participant observation” of May Day, Tuesday 1 May 2018. Meeting point: Oranienplatz/Kreuzberg, 3pm.

Zur Einführung/Preliminary bibliography

Lefebvre, Henri. 1968. “L’irruption de Nanterre au sommet ”. L'Homme et la société, N. 8, Au dossier de la révolte étudiante. 49-99.
übersetzt in 1969, Aufstand in Frankreich. Zur Theorie der Revolution in den hochindustrialisierten Ländern. München: Edition Voltaire.
translated in 1969, The Explosion. Marxism and the French Revolution. New York/London: Modern Reader Paperbacks.
Debord, Guy. 1967. La société du spectacle. Paris: Lebovici.
übersetzt in 1974, Die Gesellschaft des Spektakels. Düsseldorf: Projektgruppe Gegengesellschaft.
translated in 1994, The society of the spectacle. New York: Zone Books.

Sommersemester 2018

Master

Wochentag(e) : Dienstags (+ extra Termine)

Turnus : wöchentlich

Zeit: 14.00 h

Beginn : 08.05.18

Ende : 10.07.18

Ort : Raumstrategien, T3.02


Teilnehmerzahl : 0 (0)

Wochenstunden : 3

Creditpoints : 6