Pınar Öğrenci


Wie man räumliche Gewalt liest

Architektur, von den neoklassizistischen Imperialbauten des 18. Jahrhunderts zu den heutigen Wohnprojekten für Menschen mit Migrationshintergrund, stand immer in einer Wechselbeziehung mit der Geschichte von Rassismus, Kolonialismus, Ungleichheit, Gewalt, Überwachung und Kontrolle. In diesem Zusammenhang rufen Viertel mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund genau jene Probleme, mit welchen sie assoziiert werden, hervor. Sie stehen für Alterität, Unsicherheit, Deprivation und Stigmatisierung, deren negativen Auswirkungen von ihren BewohnerInnen im täglichen Leben stark empfunden werden. Warum aber sehen wir Viertel mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund oft nur als Orte von Konflikt, materieller Armut, Andersartigkeit und Ausgrenzung, nicht aber auch als Orte der Solidarität, der Durchmischung, der sozialen Integration und schließlich als Orte der Entstehung von Populärkultur und politischer Mobilisierung demokratischer Ideale für einen Wandel?

Während des Wintersemesters werden wir versuchen, räumliche Gewalt lesen zu lernen, indem wir uns die Stadtentwicklungsprojekte in Mexico City in den 60er Jahren als Folge der 68-er Bewegung, Nachkriegsbaustellen in Berlin-Kreuzberg in den 70er und 80er Jahren sowie die französischen Vororte der 2000er ansehen. Wir werden Derridas Konzept der Gastfreundschaft interpretieren, indem wir durch die Projektgebiete der Berlin-Kreuzberger IBA (Internationale Bauausstellung) von 1984-87 gehen. In diesen Gegenden werden wir sowohl Diskriminierung und Integration durch die Berliner Architektur und Städtepolitik wie auch die Hausbesetzer-Bewegung und Praktiken von Widerstand und Solidarität untersuchen. Eine der Leitfragen, die unsere Recherche antreibt, ist: Wie beeinflusst die Praxis des Raum- Schaffens den Alltag der betroffenen BewohnerInnen? Indem wir „Storytelling“ als Methode und „Videoinstallation“ als Medium verwenden, werden wir versuchen, die Geschichten der BewohnerInnen der Gebäude, wie z.B. von ArbeiterInnen, GastarbeiterInnen, Studierenden, politischen Flüchtlingen und ExilantInnen, sichtbar zu machen – von Menschen also, welche oft in der Architekturgeschichte übergangen werden. Indem wir die Formen, den Gebrauch, das Alltagsleben und die Transformation des öffentlichen Raums wie z.B. von Plätzen, Straßen und Märkten beobachten, können auch ihre alternativen Potentiale für die Kunstproduktion untersucht werden. Die Verwendung unterschiedlicher Medien wie Video, Fotografie, Sound, Animation sowie von vorgefundenen Objekten in Videoinstallationen und möglichen Formen eines poetischen Narratives werden erkundet, indem wir die Repräsentation dieser Siedlungen in Literatur, Film, Musik und Populärkultur ebenso wie die menschlichen (Lebens-)Geschichten genauer betrachten.

Quellen:

- Discipline & Punish: The Birth of the Person, Michel Foucault, Vintage Books, 1995
- Guests and Aliens, Saskia Sassen ,The New Press, 1999
- Politics of Aesthetics & Discovering New Worlds, Jacques Ranciere, A&C Black, 2006
- Esra Akcan, Open Architecture: Migration, Citizenship and the Urban Renewal of Berlin-Kreuzberg by IBA 1984/87, Birkhäuser, 2018
- George Flaherty, Hotel Mexico: Dwelling on the '68 Movement, Univ of California Press, 2016
- Badlands of the Republic: Space, Politics and Urban Policy, Mustafa Dikeç, John Wiley & Sons 2011
- Race and Modern Architecture: A Critical History from the Enlightenment to the Present, I. Cheng, C.L. Davis, M.O. Wilson, University of Pittsburgh Press, 2020
- Forensic Architecture: Violence at the Threshold of Detectability, Eyal Wiezman, Princeton University Pres, 2017