Prof. Steffen Schuhmann


Einen Beruf neu erfinden

Jeder kann sich seine eigene Webseite bauen oder eine Visitenkarte gestalten. Diese wird kaum den ästhetischen Ansprüchen eines Designers genügen. Aber in der Regel ist die Visitenkarte lesbar. Sie erfüllt ihren Zweck. Ob mit Serifen oder ohne. Wir können dies als Verfall der gestalterischen Kultur beschreiben oder als konsequente Demokratisierung gestalterischer Produktionsmittel. Sicher ist: Wir werden weniger Visitenkarten gestalten. Wir sollten die gewonnene Zeit nutzen und den Beruf des Designers neu erfinden.

Dem Massenprodukt – ob analog oder digital – begegnen manche Designer, indem sie sich auf exklusive Qualitätsprodukte zurückziehen. Auf Liebhaberobjekte in kleinen Auflagen. Dieser Rückzug ins Kunsthandwerk ist es eine Beschneidung der eigenen Möglichkeiten. Visuelle Kommunikation ist »Musik für die Massen«, eine Möglichkeit, relevanten Inhalten weithin Gehör zu verschaffen. Mit allem, was dazu nützlich ist.

Seit Nutzer im web Inhalte erstellen und veröffentlichen, es Aufgabe der Designer, einen Rahmen zu gestalten, in dem der User seinen Content sinnvoll strukturieren, verknüpfen und interessant präsentieren kann. Kurzum: Der Designer gestaltet nicht den Träger der Botschaft, sondern den Raum, in dem andere kommunizieren können. Wer als Kommunikationsdesigner diese Kommunikationsräume nutzen möchte, muss kein Techniker sein, sondern Redakteur: Er muss Content verfassen, ordnen, beurteilen und inszenieren können. Wer offline so wie im Web 2.0 arbeitet, dem erschließt sich ein ganz neues Arbeitsfeld: Anlässe und Situationen zu schaffen, in denen Menschen einander begegnen und ins Gespräch kommen, die sonst nicht die Möglichkeit dazu hätten. Dazu muss er muss organisieren, inszenieren, kooperieren und querdenken. Medien sind dann nicht Produkt seiner Arbeit, sondern Katalysatoren eines Kommunikationsprozesses, den er gestaltet.

Die Demokratisierung unserer gestalterischen Produktionsmittel macht es leichter, sich als Gestalter selbstständig zu machen. Aber nur wenigen Gründern gelingt es, Kapital zu bilden und zu wachsen. Sie sollten sich verbünden, um Schwächen zu kompensierten, Stärken zu bündeln, Risiken zu verteilen, um ihre gestalterischen Visionen umzusetzen. Für die eigene Arbeit bedeutet das: Ideen bleiben selten unwidersprochen, Entwürfe sind der Auftakt einer Auseinandersetzung, kreative Prozesse sind sehr dynamisch. Wer Widerspruch aushält und Kritik für sich zu nutzen weiß, der wird davon profitieren – gestalterisch, intellektuell und ökonomisch.

Was kann eine Hochschule vermitteln, wenn das das Berufsbild des Kommunikationsdesigners im Wandel begriffen ist? Sie kann helfen, sich zu orientieren. Sie kann keine Wegbeschreibung bieten. Aber sie kann Fähigkeiten vermitteln, die jenseits ausgetretener Pfade nützlich sind. Dazu braucht es Raum, um sich an der Realität zu reiben. Raum bedeutet: Arbeitsräume sollen von den Studierenden selbst organisiert und verwaltet werden. Sie sollen rund um die Uhr offen sein und die Möglichkeit bieten, eigene Arbeitsgruppen zu bilden, um Strukturen der Entscheidungsfindung und Produktion auszuprobieren. Dinge, die sich nicht theoretisch vermitteln, sondern nur moderieren lassen. Diese Räume sind Orte, an denen man voneinander lernt. Realität bedeutet: Die Hochschule ist ein Ort des Experiments, an dem anhand realer Probleme phantastische Lösungen gefunden werden. Für angehende Kommunikationsdesigner gibt es viel zu tun und die Wirklichkeit will umarmt werden.

Die Demokratisierung unserer gestalterischen Produktionsmittel ist unumkehrbar. Der Wandel unser Gestaltungsaufgaben geht weiter. Der Rest ist Zukunftsmusik. Aber die klingt nicht schlecht. Verändern sich die Bedingungen und die Möglichkeiten der Produktion und Gestaltung von Medien, verändert dies auch die Art, wie kommuniziert wird, wie man sich verständigt und artikuliert, wie protestiert und gefordert wird. Ganz vorn dabei sind immer die, die direkt mit diesen neuen Medien arbeiten. Wenn wir unseren Beruf neu erfinden, dann vielleicht in dem Sinne, dass wir nicht an Web und Print arbeiten, sondern an Entwürfen für eine bessere Welt.

CV

seit 2004 – zusammen mit Axel Watzke und Christian Lagé – Partner von anschlaege.de – Kommunikation, Design, Phorschung
2001 bis 2004 Bildredakteur der Berliner Stadtzeitung scheinschlag
1998 bis 2004 Studium Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Meisterschülerstudium bei Prof. Alex Jordan,

Publikationen

herausgegeben zusammen mit Axel Watzke und Christian Lagé als anschlaege.de:

Vereinsheime – Kommunikationsräume für Toleranz, hrsg. mit der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, Metropolverlag 2011

Grenze, welche Grenze – Menschen an Oder und Neiße, hrsg. mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2009

verbuendungshaus fforst – Eine Ermutigung / an encouragement, Junius Verlag 2009

Plan B – Kulturwirtschaft in Berlin, Regioverlag 2007

Aurith/Urad – zwei Dörfer an der Oder,
hrsg. mit Tina Veihelmann, Deutsches Kulturforum östliches Europa 2006

c.neeon, hrsg. mit dem Kunstgewerbemuseum Berlin, 2006

dostoprimetschatjelnosti, Junius Verlag 2003