Winter Semester 2012 / 2013, Kunsthalle

Vortrag "Das Event als Verlust"

Das Event als Verlust.

Der touristische Erfolg der documenta als Abschied von ihrer historischen Bedeutung

 

 

von Prof. Dr. Matthias Winzen,

Hochschule der Bildenden Künste, Saarbrücken

 

Do., 7. Februar 2013, 18 Uhr

KUNSTHALLE am Hamburger Platz

 

 

Die documenta als Institution, als alle fünf Jahre stattfindende Großausstellung, hat sich zu einem Event entwickelt, das regelmäßig neue Rekorde an Besucherzahlen vermeldet. Die der Presse mitgeteilten Umsatzrekorde sollen Unangreifbarkeit signalisieren. Was so viel Zustimmung findet, sollte nicht kritisiert werden, satte Quantitäten lassen alle komplizierten Nachfragen nach Qualitäten überflüssig erscheinen. Das Besucherzahlenargument lenkt jedoch von der konzeptuellen Krise ab, in der sich die documenta befindet. Matthias Winzen geht der These nach, dass diese Krise durch das äußerliche Funktionieren der documenta als Event und touristischer Vermarktungsgegenstand überdeckt wird, oder genauer gesagt: dass die konzeptuelle Krise der documenta durch die funktionellen Erfordernisse eines Groß-Events eigentlich bewirkt wurde.

Die Umwandlung der documenta von einer Ausstellung in ein Event bleibt für die Kunst, die auf der documenta gezeigt wird, nicht folgenlos. Im Gegenteil: Die Eventisierung der documenta verzerrt immer mehr, welche Kunst überhaupt in Kassel gezeigt werden kann und welche großen Bereiche heutiger Kunstpraxis strukturell und diskussionslos ausgeschlossen werden.

Die scharfe Zensur findet dabei nicht plump statt. Nicht etwa die Kunst wird ausgeschlossen, die sich kritisch gibt und leicht als globalisierungskritisch oder migrationsskeptisch oder sonst wie soziologisiert lesen lässt. Es wird diejenige Kunst ausgeschlossen, die sich nicht leicht lesen lässt: Kunst, die darauf besteht, zuerst Kunst zu sein, also zuerst Bild, zuerst visuelle und räumliche Erfahrung, nicht zuerst Text, Meinung, Moral, schnelle Deutbarkeit.

Parallel zur Entgrenzung zwischen Text und Bild kommt es dabei zu einer Entdifferenzierung zwischen Ästhetik und Ethik. Formal mittelmäßige Kunst leiht sich bei künstlerisch unlösbaren Weltproblemen den Schein eigener Bedeutsamkeit; die documenta-Besucher werden politisch an- und aufgeregt, ohne nach ihrem documenta-Ausflug irgendwelche ethischen Konsequenzen erwägen zu müssen.

Supervision Thaddäus Hüppi
Die documenta in der Krise
Die documenta in der Krise

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