Wintersemester 2018/2019,

Freundliche Gefängnisse

„In welchem Käfig man sich auch befindet, man muss ihn verlassen“–  John Cage

 

Magnolien – uralte Zierpflanzen, die durch zwei Besonderheiten auffallen: Erstens blühen sie im Frühling noch bevor die ersten Blätter sprießen. Und zweitens stecken ihre faustgroßen Früchte voller Kontraste: Ihre Form besteht aus konkaven und konvexen Krümmungen, die abwechselnd verborgene bzw. vorspringende Partien entstehen lassen. Beim Berühren der Oberfläche spürt man ebenso haarig-weiche wie fleischig-feste Bereiche.

 

Diese Beschaffenheit macht die Frucht zur perfekten Verkörperung eines Entwicklungsprozesses. Die schützende Schicht der Samenkapsel bietet Geborgenheit für den heranwachsenden Keim. Mit fortschreitender Reife wird sie zu einem begrenzenden und einengenden Hindernis. Schließlich durchstößt der Samen die Hülle und wird als eigenständiger Kern sichtbar. Der Konflikt des Eingeschlossenseins wird hier auf den Punkt gebracht: einerseits abgegrenzt im schützenden Kosmos verharren oder andererseits in die Freiheit der Außenwelt ausbrechen. Die Herausforderung besteht darin, die ebenso behagliche wie begrenzende Umhüllung zu durchdringen, in die Außenwelt zu treten und für diese sichtbar zu werden.

 

Essenz dieses Prozesses ist die Abfolge von Wachsen, Durchscheinen und Heraustreten. Die Arbeit greift dies auf, indem sie die Dynamik der Frucht und insbesondere den als Manifestation einer Ablösung verstandenen Prozess repräsentiert: Was bedeutet Durchscheinen und Heraustreten? Wie setzt sich ein Körper oder eine Substanz durch, wenn er/sie von einer schützenden Hülle umgeben ist? Wie wird eine Fläche durchbrochen? Wann entsteht ein erstes sichtbares Zeichen?

 

Die Versuche verkörpern in ihrem Aufbau den abstrahierten Manifestationsprozess und in ihrer Materialität die sinnlichen Attribute der Frucht. Zunächst in Textilproben, in denen sukzessive die Samenöffnungen und mit ihnen der Ablauf des Durchdringens der weichen Oberfläche sichtbar wird. Andere Versuche mit aufquellenden Substanzen, wie beispielsweise Schaum hinter Textil, oder der Kombination von Latexschichten, Druckluft und Hülsenfrüchten erweitern das Assoziationsspektrum und zeigen den Prozess des Heraustretens als ein universelles Phänomen.

 

Das zentrale Versuchsthema ist die Herausforderung, manifest zu werden. Ausgangspunkt sind „freundliche Gefängnisse“: weg von der Geborgenheit – hin zur eigenständigen Entbindung. Dieser kontinuierliche Veränderungsprozess hört nie auf: ein endloser Übergang von einer Phase zur nächsten.

Participants Serafina Baucken
Gefängnis_1
Gefängnis_1

All rights reserved Serafina Baucken
Gefängnis_2
Gefängnis_2

All rights reserved Serafina Baucken
Gefängnis_3
Gefängnis_3

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