Sommersemester 2016, BA/MA Textil- und Flächendesign CAD-Werkstatt

Double Standards

Was genau sehen wir, wenn wir einen Trinkhalm in ein Glas Wasser stecken? Er erscheint uns "gebrochen", obwohl wir alle wissen, dass er tatsächlich nicht gebrochen ist. Das ist faszinierend und fesselt unsere Aufmerksamkeit.

Der Grund dafür: In dem Moment, in dem wir den Trinkhalm "gebrochen" sehen, widerspricht diese Wahrnehmung den Erfahrungen, die wir in unserer Erinnerung gespeichert haben - dort sind Trinkhalme Konstruktionen, die robust genug sind, nicht zerstört zu werden, wenn wir sie in Flüssigkeiten hineinstecken; schon garnicht direkt an genau der Stelle, an der sie die Wasseroberfläche durchdringen. Wir "wissen" also, dass die Form des Trinkhalms in der Flüssigkeit sich "normalerweise" gerade fortsetzt.

Unsere Wahrnehmung aber zeigt uns ein anderes Bild. Was ist hier die “Wahrheit”?

Ist es der „gebrochene“ Trinkhalm, den wir in Wirklichkeit sehen, oder ist es der Trinkhalm, von dem wir annehmen und wissen, dass er nicht gebrochen ist?

Oder ist beides wahr?

Derartige Phänomene, die auf der Lichtbrechung in durchsichtigen Medien beruhen, können wir überall im Leben beobachten. Ihre Faszination beruht darauf, dass in ihnen zwei Zustände anwesend sind - einen, den wir sehen, und einen, den wir aus unserer Erinnerung heraus als korrekt annehmen. Beide Zustände führen in unserem Kopf einen Kampf um die Frage: Welcher Zustand ist nun der gültige?

Es ist diese Doppelung von Realitäten, die Gleichzeitigkeit von Bildern - gesehenen und erinnerten - die der Wahrnehmung von Artefakten an den Grenzflächen durchsichtiger Medien eine faszinierende Schönheit verleihen. Meine Masterarbeit untersucht den ästhetischen Reiz dieser Phänomene. Ich nenne diese Phänomene Dopplungseffekte in der Wahrnehmung - kurz: "Double Standards".

In dem Projekt »Double Standards« beschäftige ich mich damit, wie transparente Medien das Licht brechen und dadurch die visuelle Wahrnehmung verändern. Durch eine Reihe

von Experimenten wollte ich herausfinden, wie der Strahlengang des Lichtes durch transparente oder transluzente Medien mit jeweils unterschiedlichen Oberflächen beeinflusst wird und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die visuelle Wahrnehmung haben. Diese Veränderungen auf die visuelle Wahrnehmung nenne ich einen "Verfremdungseffekt". Ich knüpfe dabei an ein Konzept des Theatermannes Bertolt Brecht an. Auch Bertolt Brecht wollte vertraute Dinge in einem neuen Licht erscheinen lassen und so auf Widersprüche aufmerksam machen zwischen einer Realität, die unabhängig von Meinungen, Wahrnehmungen und Medien existiert, und einer Realität, die wir nur durch Medien hindurch und nur mit unseren eigenen Augen sehen und erkennen können.

Mich interessiert der Verfremdungseffekt im Unterschied zu Bertolt Brecht aber nicht, um eine "objektive Wahrheit" erkennbar werden zu lassen, die als ein Gesetz oder ein sozial-ökonomischer Zusammenhang hinter den Phänomenen steckt, sondern mich interessiert allein das Spannungsfeld zwischen einem unverstellten Wahrnehmungseindruck und einem Wahrnehmungseindruck, der medial vermittelt ist. Ich untersuche diese Effekte an analogen Medien. Denn in analogen Medien ist der Dopplungseffekt in der Wahrnehmung und Erinnerung von Wirklichkeit am deutlichsten und intensivsten spürbar. Vermittelt durch analoge Medien sind die beiden Bilder - das gesehene und das erinnerte - nicht durch komplexe technische oder digitale Manipulationen voneinander getrennt und können dadurch direkt und ohne Umwege aufeinander bezogen und miteinander erlebt werden.

Wie also können visuelle Verfremdungseffekte bei der Übertragung von Licht durch den Einsatz analoger, in ihrer Wirkung passiver Medien erzeugt werden?

Bei den Experimenten sind 4 Regeln deutlich geworden, die in der Dokumentation erläutert werden.

Der visuelle Verfremdungseffekt erweitert die Möglichkeiten der visuellen Wahrnehmung. Ein Faktor ist die spontane Erinnerung, die die optische Veränderung im Kopf des Betrachters wieder aufhebt. Dadurch entsteht eine Situation, in der man vielleicht nur ein einfaches Objekt sehen kann, im Gehirn sich aber gleichzeitig zwei Bilder miteinander abwechseln. Die veränderte Erscheinung wird durch das Medium erzeugt, während die ursprüngliche Erscheinung aus der Erinnerung wiederhergestellt

wird. So vollzieht sich zwischen Auge und Gehirn ein Prozess, in dem sich rasch und mühelos zwei Bilder zusammenfügen.

Der Kern des visuellen Verfremdungseffekts besteht darin, die den Betrachtern vertrauten Dinge durch das transparente Medium neu sehen zu lassen und so die Widersprüche zwischen der visuellen Wahrnehmung und der Realität sichtbar zu machen. Die transparenten Flächen wirken dabei wie Verdopplungen der Augenlinse, also des Wahrnehmungsapparats selbst, und weniger als Teil der beobachteten Welt. Ihre größte Wirkung erzielen diese Dopplungseffekte, wenn sie entlang einer Bewegung erfolgen und in der Zeit sich ändern.

Gehen wir zur Frage des Trinkhalms zurück. Meine Antwort wäre, dass beide Varianten, der “gebrochene” Trinkhalm ebenso wie der reale, wahr sind - Double Standards.

ProjektkategorieMaster Projekt-Fächer BA/MA Textil- und Flächendesign
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